Mittwoch, 17. Februar 2010

Actrices (2008)

Wenn eine wundervolle Schauspielerin wie Valeria Bruni Tedeschi einen Film über eine Schauspielerin macht, dann kommt im Glücksfall ein wundervoller Schauspielerfilm wie ACTRICES dabei heraus. Ihre mittlerweile zweite Regiearbeit ist eine hinreißende Mischung aus skurriler Tragikomödie, Psychodrama und Arthaus-Kino. Mit ihrem Porträt einer neurotischen, kapriziösen und verunsicherten Schauspielerin, die mit 40 vor und hinter der Bühne an einem Scheideweg steht, hat Bruni Tedeschi einen großen künstlerischen Wurf hingelegt, der für mich zu den besten Filmen des Jahres gehört.

Schauplatz ist Paris, im Theater probt man Turgenjews "Ein Monat auf dem Lande". Marcelline (Bruni Tedeschi) findet keinen Zugang zu ihrer Rolle. Schlimmer noch - ihre Periode bleibt aus, sie möchte gern ein Kind, hat aber keinen Mann dafür. Mit ihren Neurosen eckt sie überall an. Die Regie-Assistentin Nathalie (herrlich verschroben: Noémie Lvovsky) stürzt sich in eine imaginäre Liebesaffäre mit dem despotischen Regisseur (Mathieu Amalric), und der junge Partner Eric (ein hinreißender Louis Garrel) versucht, sich Marcelline zu nähern.

ACTRICES hat keine Handlung im klassischen Sinn und beschreibt im konstant ruhigen Rhythmus Situationen und Stationen aus dem Leben seiner Figuren. Regisseurin Bruni Tedeschi schafft immer wieder umwerfend komische und berührende Momente. Ihre Marcelline betet in der Kirche für einen Ehemann, später bittet sie den Pfarrer spontan, mit ihr ein Kind zu zeugen. Sie läuft mitten während der Vorstellung davon, nimmt ein fremdes Baby mit in ihre Garderobe und gibt ihm die Brust, sie springt in die Seine und nimmt das wahre Leben nicht mehr wahr. Für ihr egozentrisches Verhalten muss sie aber auch einiges einstecken. In der besten Szene bekommt sie eine Torte ins Gesicht, und wer meint, dies sei ein alter Hut, der muss sich nur ansehen, wie perfekt diese Szene aufgebaut und gespielt ist. Wer selbst Erfahrung mit dem Theater hat, wird viele der typischen Eigenschaften von Schauspielern, Regisseuren und Technikern wieder erkennen, die in ACTRICES porträtiert werden. Turgenjews "Monat auf dem Lande" wird genial in die Filmhandlung eingebaut, Szenen und Konstellationen des Stücks wiederholen sich in Marcellines Leben, manchmal so verändert, dass man es kaum bemerkt.

Zwei große Einflüsse zeichnen Bruni-Tedeschis Inszenierung aus. Zum einen John Cassavetes' "Die erste Vorstellung", in dem Gena Rowlands ein ähnliches, wenngleich ernsteres Psychogramm einer Schauspielerin in der Midlife-Crisis dargestellt hat. Die zweite Hommage gilt zweifellos Woody Allen. Nicht nur ist ACTRICES mit ähnlicher Musik (ein Mix aus Oper und Jazz) untermalt, die Selbstfindung der Hauptfigur erinnert stark an die Großstadtneurotiker aus "Alice" oder "Harry außer sich". So begegnet Marcelline bereits verstorbenen Menschen, die in ihrem Leben eine wichtige Rolle gespielt haben und diskutiert mit der "echten" Bühnenfigur, die sie darstellt (Valeria Golino).

Ebenso wie bei Woody Allen scheitern alle Charaktere im Film an ihren Erwartungen. Jeder liebt den einen, den er nicht haben kann, alle wollen das Leben, das sie nicht führen. Niemand kann sich damit abfinden, dass er sich vielleicht genau am richtigen Ort und in den für ihn richtigen Lebensumständen befindet. Das ist - trotz aller künstlerischen Probleme von Schauspielern, die nicht unbedingt jeden Zuschauer interessieren dürften - eine Geschichte über wahre Menschen und die Realität. ACTRICES ist durch und durch französisch, leichtfüßig, niemals kitschig, fantastisch. Meine Erwartungen wurden weit übertroffen.

08/10

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