Mittwoch, 17. Februar 2010

39,90 (2009)

Drogen, Geld, Partys, Callgirls, Selbstmord und noch mehr Drogen - Willkommen in der schönen Welt der Werbung und zu "39,90". Jan Kounen verfilmte den Bestseller von Ex-Werbeprofi Frédéric Beigbeder, der anhand von Insider-Wissen gnadenlos mit den Exzessen einer ganzen Branche abrechnete. Herausgekommen ist ein beeindruckender Bilderrausch mit einem grandiosen Hauptdarsteller, der satirische Wert allerdings hält sich in Grenzen.

"Alle sind käuflich, vor allem ich", sagt Werbeprofi Octave (Jean Dujardin), während er im Unwetter auf einem Pariser Wolkenkratzer steht und kurz darauf herunterspringt. Octave hat im wahrsten Sinne die Schnauze voll - von den idiotischen und rassistischen Werbekunden der Agentur und seinem inhaltslosen Leben. Er füttert seine Büroratte mit Koks, erbricht sich über nackte Partygäste und bleibt dabei stets so hip und cool, dass es weh tut.

Gespielt wird Octave von einem wahnsinnig guten Dujardin, der normalerweise in herb-männlichen Rollen zu sehen ist (Counter Investigation - Kein Mord bleibt ungesühnt), hier aber durch Maske und Kostüm zu einer schmierigen, ultra-nervösen und kurz vor der Explosion stehenden Zeitbombe mutiert. Dass er dem Zuschauer die ganze Zeit seltsam sympathisch bleibt, liegt sowohl an der Komik seiner Figur als auch an Dujardins lustvollem Spiel. Genau hier liegt aber auch das Problem, und das ist - wie schon in der Vorlage - die unglaubliche Eitelkeit des Ganzen. Vordergründig wird in 39,90 eine gesamte Branche (verdientermaßen?) durch den Dreck gezogen. Regisseur Kounen setzt aber alles daran, seine Satire so grell, knallig und effektvoll wie möglich zu inszenieren und erschafft einen zwar fantastischen Bilderrausch, gibt der Werbebranche aber damit genau den Glamour und die Coolness zurück, die er eigentlich kritisieren will.

Der visuelle Overkill aus Traumsequenzen, Rückblenden, digitalen Tricks, Rückprojektionen, Montagen und Schnittfeuerwerken ist ohne Zweifel voller Ideen, wirkt auf Dauer aber auch ermüdend. Am besten funktioniert 39,90 ironischerweise in den ruhigen und entlarvenden Momenten. In der besten Szene wurde soeben eine gewagte Kampagne für einen Joghurt-Hersteller abgelehnt und damit praktisch das Ende der Welt eingeläutet, bis sich Ocatve und sein Partner an den Schreibtisch setzen und gelangweilt die unoriginellste Idee aus dem Ärmel schütteln, die ihnen spontan einfällt, und die ihnen förmlich aus den Händen gerissen wird. Das später folgende Produktions-Meeting, in welchem von der Dichte des Rasens bis zur Hautfarbe des Models alles diskutiert wird, worüber sich der Konsument nie Gedanken macht, ist ebenso grandios geschildert (wobei nicht satirisch überspitzt, hier liegt die Komik im Realismus).

Im letzten Drittel allerdings, wenn Octave sein Gewissen entdeckt, entfernt sich der Film radikal von der Buchvorlage und kommt plötzlich mit einem moralischen Zeigefinger sowie einer Fluchtfantasie daher, die im Rahmen der Satire keinen Sinn mehr macht und auch als tatsächliche Lösung der Gesellschaftskritik reichlich naiv erscheint.

Für wen 39,90 am Ende gemacht ist, lässt sich schwer sagen. Für die Leser der Buchvorlage, für Mitarbeiter der Werbebranche, für Freunde visueller Spielereien. Subversiv ist Kounens Film nicht, dazu liefert er zu viele Klischees, und wie weit er in seiner Übertreibung geht, kann ich nicht beurteilen (ich kann nur sagen, dass ein guter Freund von mir in der Branche tätig ist und durchaus als normaler Mensch durchgeht, was man von keinem der Protagonisten sagen kann). Es bleibt ein zwiespältiger Eindruck. Unterhaltsam ist 39,90 auf jeden Fall, und er bleibt durch die vielen Einfälle und seine brachiale Optik im Gedächtnis.

09/10

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